Quelle: Tages Anzeiger, 15.11.2013
Reformierte Persönlichkeiten der Schweiz: Rosa Gutknecht, das «Fräulein Pfarrer»
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren Pfarrerinnen in der Zürcher Landeskirche nicht vorgesehen. Als Rosa Gutknecht es 1913 als erste Schweizerin wagte, Theologie zu studieren, war dies der Anfang eines langen und beschwerlichen Weges der Frauen ins Pfarramt.

1885 kommt Laura Elisabeth Rosa Gutknecht in Ludwigshafen zur Welt. Ihre Mutter stirbt wenige Tage nach der Geburt und so wächst das Mädchen bei ihrer Tante in Berlin auf, später bei Verwandten in Zürich und schliesslich bei einer Pflegefamilie in Chur.
1901 tritt sie in Zürich ins Lehrerseminar ein. Nach dieser Ausbildung findet sie eine Stelle, obwohl sie selber berichtet, dass sie nicht gerne Lehrerin war.
1913 entschliesst sich die junge Frau, Theologie zu studieren. Ein Jahr später folgt ihr eine weitere Frau: Elise Pfister. Die beiden schliessen ihr Studium 1917 mit Bestnoten ab und werden 1918 ordiniert. Obwohl die theologische Fakultät den Frauen einen ordentlichen Studienabschluss ermöglicht hat, wird es anschliessend schwierig, eine Pfarrstelle zu bekommen. Rosa wird 1919 als «Hülfskraft der Herren Geistlichen» in der Kirchgemeinde Grossmünster angestellt. So darf sie Aufgaben übernehmen, für die dem Pfarrer die Zeit oder Lust fehlt. Nur gelegentlich darf sie als Stellvertretung auch einmal auf die Kanzel.
Als die Zürcher Kirche - überzeugt von der Leistung von Rosa Gutknecht - die Kirchenordnung dahingehend ändern will, dass auch Pfarrerinnen die Wählbarkeit zugesprochen werde, scheitert diese an den staatlichen Vorgaben. Der Regierungsrat weist darauf hin, dass Nicht-Aktivbürger (zu denen die Frauen damals zählten) auch nicht in ein öffentliches Amt gewählt werden können.
Rosa Gutknecht bleibt ihrer Gemeinde während 34 Jahren treu, geniesst die «hohen Zeiten, in denen sie einen ausgeschiedenen Pfarrer voll vertreten durfte», leidet aber auch unter Widerständen und Vorurteilen in der Gemeinde.
Als erste Präsidentin des 1939 neugegründeten Schweizerischen Theologinnenverbandes setzt sie sich für die Anliegen der Theologinnen ein. Es sollten aber noch einige Jahre vergehen, bis das volle Pfarramt für Frauen legalisiert wird. Im Juli 1963 ist es dann soweit und das neue Kirchenrecht erlaubt, Frauen zum Pfarramt zuzulassen. Dies noch bevor das Stimm- und Wahlrecht für Frauen in der Schweiz angenommen wird.
Diesen wichtigen Durchbruch erlebt Rosa Gutknecht allerdings nicht mehr. Sie stirbt 1959 nach kurzer Krankheit.
Pfarrerin Barbara von Arburg