Quelle: Schweizerisches Sozial-archiv, Sozarch_F_5160-Fb-052
Reformierte Persönlichkeiten der Schweiz: Leonhard und Clara Ragaz-Nadig
Ende des 19. Jahrhunderts begann sich der junge Pfarrer Leonhard Ragaz mit den sozialen Fragen zu beschäftigen. Während er als Gründer der religiös-sozialen Bewegung gilt, machte sich seine Ehefrau Clara als Sozialistin, Pazifistin und Feministin einen Namen.
Leonhard und Clara Ragaz stammten beide aus dem Kanton Graubünden. Leonhard Ragaz wuchs in einer Kleinbauernfamilie in Tamins auf. Nach dem Theologiestudium, das er nur deshalb machte, weil dafür Stipendien erhältlich waren, wollte er eigentlich nicht Pfarrer werden. Trotzdem übernahm er mit gerade 20 Jahren seine erste Pfarrstelle im Bündnerland. Als er seine Frau Clara kennenlernte, war er Stadtpfarrer in Chur.
Clara Nadig kam aus einer gutbürgerlichen Churer Familie. Nach ihrer Lehrerinnen-Ausbildung und Auslandaufenthalten kehrte sie wieder nach Chur zurück. Nach der Heirat zog das Paar nach Basel, wo Leonhard Ragaz ans Münster gewählt wurde. Seine Frau widmete sich ihrer Aufgabe als Pfarrfrau und Mutter zweier Kinder.
In Basel herrschten damals bereits grosse soziale Spannungen, die Leonhard Ragaz zunehmend beschäftigten. In dieser Zeit entstand der Kreis der «religiös-sozialen Bewegung» und deren Publikationsorgan, die Zeitschrift «Neue Wege».
Als Leonhard als Theologieprofessor nach Zürich berufen wurde, begann für Clara ein neues Leben: Sie leitete das Zürcher Sekretariat der «Sozialen Käuferliga», welche zum Ziel hatte, die soziale Lage des Verkaufspersonals zu verbessern.

Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit
Der erste Weltkrieg erschütterte das Ehepaar und prägte deren lebenslangen Einsatz für den Frieden. Clara Ragaz engagierte sich in der «Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit»; sie hielt Referate, worin sie zum Pazifismus aufrief und nahm schliesslich 1916 an der Stockholmer Friedenskonferenz von Pazifistinnen und Pazifisten neutraler Staaten teil.
In ihrem Vortrag «Die Frau und der Friede» forderte sie neben der Friedenserziehung im familiären Bereich auch die Beteiligung der Frauen an politischen Entscheidungsprozessen.
Ebenfalls gingen von ihr Impulse zur Schaffung eines Zivildienstes für Dienstverweigerer aus Gewissensgründen aus.
Ihr Engagement für die Friedensarbeit begleitete sie ihr Leben lang. Als der zweite Weltkrieg ausbrach, baute sie in Zürich eine «Auskunftsstelle für Flüchtlinge» auf.
Mit dem Ziel, künftig nur noch für die Anliegen der Arbeiterschaft zu kämpfen, trat Leonhard Ragaz 1921 von seiner Professur zurück und zog mit seiner Familie ins Arbeiterquartier Aussersihl und widmete sich bis zu seinem Tod zusammen mit seiner Frau der Arbeiterbildung, seiner Zeitschrift «Neue Wege» und dem Einsatz für den Weltfrieden.
Pfarrerin Barbara von Arburg